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„Nacht der
Lichter" am 12.12.2004
I. Weihnachten zwischen Anspruch und Wirklichkeit Jetzt hat sie wieder begonnen, die Adventszeit. Für viele ist es die schönste Zeit des Jahres. Der vorweihnachtliche Schmuck in den Straßen und auf den Plätzen und in unseren Häusern, die Kerzen, die jetzt überall wieder angezündet werden, die weihnachtlichen Lieder und Melodien, die an vielen Orten erklingen.
„Advent" heißt Ankunft. Auf die Ankunft des Kindes in der Krippe bereiten wir uns vor. Und äußerlich gesehen setzen wir viel daran, um dieses Fest, an dem wir die Ankunft Gottes in der Welt feiern, gelingen zu lassen. Weihnachtspost wird geschrieben, Geschenke werden gekauft oder gebastelt, die Wohnung wird herausgeputzt und geschmückt und vielerorts sind die Wohnungen mit dem Duft von frisch gebackenem Weihnachtsgebäck erfüllt. Weihnachten das hat für mich etwas mit Geborgenheit zu tun, längst vergessen Kinderträume werden wieder wach, es erinnert an eine heile Welt, an ein friedliches Miteinander.
Aber es gibt auch die andere Seite: Ich merke, wie es in dieser Welt oft grausam und schlimm zugeht. Ich sehe eine Welt, die alles andere als heil ist. Ich spüre wie es Zerrissenheit und Egoismus gibt, - auch in mir. Und ich merke wie das, was mich am Weihnachtsfest so berührt, sich nicht einfach auf Knopfdruck herstellen lässt. Und über der ganzen Betriebsamkeit in der Advents – und Weihnachtszeit habe ich mich gefragt: Was hat dieses Fest eigentlich mit meinem Leben zu tun?
Das ist doch die zentrale Frage: Was hat Weihnachten mit meinem Leben zu tun? Was bedeutet es, dass Gott Mensch geworden ist? Was bedeutet das für meinen Alltag?
II. Eine Weihnachtslegende Ich möchte Ihnen an dieser Stelle eine Geschichte vortragen, die mir geholfen hat Weihnachten ein wenig näher zu kommen. Selma Lagerlöf erzählt in einer ihrer Christuslegenden:
Ein Mann ist auf der Suche nach Feuer, um seine Frau und das neugeborene Kind zu wärmen. Er ruft nach Hilfe, aber niemand hört ihn. Endlich erblickt er ein Feuer, um das sich eine Schafherde lagert. Aber als er sich den Schafen nähert, fallen die Hunde über ihn her. Doch ihre aufgerissenen Rachen können ihm kein Leid zufügen. Und als er über die eng beieinander liegenden Schafe steigen muss, um zum Feuer zu gelangen, regen sich diese gar nicht. Sogar der Stab, den der erboste Hirte nach ihm wirft, macht um ihn einen Bogen. Der Hirte, beeindruckt von dem, was er gerade gesehen hat, erlaubt ihm nur mürrisch, sich etwas vom Feuer zu nehmen. Er kann seine Schadenfreude, dass der Mann kein Gefäß hat, nur mühsam unterdrücken. Aber als der Hirte sieht, wie der Mann die glühenden Scheite mit bloßen Händen wegträgt, ohne sich zu verletzen, sagt er: „Was kann das für eine Nacht sein, in der Hunde nicht beißen, die Schafe nicht erschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht verletzt?" Und er nimmt ein Schaffell für das Kind und folgt dem Fremden, der Joseph ist.
III. Weihnachten – Gott begibt sich in unsere Zerrissenheit hinein Was für eine Geschichte – eine Geschichte, die mich fasziniert, weil sie etwas von meiner Wirklichkeit widerspiegelt und dennoch hinweist auf eine Welt, in der das Dunkle, das Negative, das Schlimme überwunden ist. Eine Geschichte, in der Verhärtetes auf einmal aufbricht und Neues entsteht.
Weihnachtlich wunderbar ist diese Geschichte, und doch ist die Welt, in der sie spielt, nicht romantisch verklärt. - Es ist eine harte, herzlose, abweisende Welt, und doch genügt ein Funke Licht um sie zu verändern.
Es ist eine Welt, in der Missgunst und Argwohn, Geiz und Schadenfreude herrschen und zugleich die Sehnsucht nach Wärme, Hilfsbereitschaft und Geborgenheit sich nicht Kleinkriegen lässt.
Das ist genau die Spannung, in der Weihnachten gefeiert wird - seit 2000 Jahren. Es ist die Spannung zwischen dem Leben, wie es alltäglich ist, und dem Leben, wie es sein könnte. Es ist die Spannung zwischen unseren Hoffnungen und unseren Enttäuschungen. Wir spüren, es ist wie ein Riss der durch unser Leben geht, und zu keiner Zeit im Jahr schmerzt dieser Riss so wie an Weihnachten.
Kein Fest zeigt heute stärker die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit als das Weihnachtsfest. Da sind tief in uns die Sehnsucht nach dem Paradies, nach gelungenen Beziehungen in der Familie, nach einem Beheimatetsein in dieser Welt, und gleichzeitig das Bewusstsein, dass es in unserem Leben oft anders ist.
Viele feiern Jahr für Jahr Weihnachten und trauern der verlorenen Kindheit nach, dem zerronnenen Glauben an die heile Welt, die ihnen damals an Weihnachten aufgeleuchtet ist. Sie haben eine Erinnerung an geheimnisdurchtränkte Kinderfeste, an ein friedliches Miteinander in der Familie.
Aber die bloße Erinnerung an vergangene Feste ist keine Garantie, dass das Fest heute genauso gelingt. Ja, wenn der Bezug zum Inhalt dieses Festes fehlt, dann kommt keine Weihnachtsfreude auf.
Die Spannung zwischen der Sehnsucht, die in uns steckt und dem, was wir als Wirklichkeit erleben, die ist zu kaum einer anderen Zeit so deutlich wahrnehmen wie an Weihnachten. Die Telefonseelsorge hat in keiner anderen Jahreszeit so viele Anrufe wie in der Weihnachtszeit, die Zahl der Selbstmordfälle steigt über Weihnachten an.
Sicher, man kann diese Sehnsucht zudecken, oder erst gar nicht zu lasen. Lieber nicht so viel nachdenken, über meine enttäuschten Erwartungen, über meine zerbrochenen Hoffnungen, über meine Sehnsucht nach einem erfüllten, heilen Leben. - Und nicht selten lassen wir uns zumüllen vom Fernsehen, oder vom Konsum … oder, wir legen uns eine harte Schale zu, wie der Hirte aus der Geschichte, und lassen nichts mehr an uns heran. Immer wieder höre ich: „Was soll’s, so ist das Leben …") - Sicher man kann so leben – aber der Riss er bleibt.
Ich bin der Überzeugung, dass wer Weihnachten richtig feiern will, der wird nicht umhin kommen, sich auch seiner verschütteten und verloren gegangenen Sehnsüchte zu stellen.
Ja, wer etwas von Weihnachten sagen will, muss - wie Selma Lagerlöf - erzählen von der Sehnsucht nach Geborgenheit und ihrer - wenn auch nur teilweisen - Erfüllung. Der muss in seinem Herzen etwas wissen von dieser Sehnsucht nach Heilsein und Ganzheit und davon, dass der Verhärtete wieder weich werden kann, wie bei dem Hirten.
Wer diese Hoffnungen und Wünsche nicht ernst nimmt, wird das Geheimnis von Weihnachten nicht verstehen, wird sich möglicherweise sogar lustig darüber machen, warum Menschen einen solchen Aufwand treiben an Vorbereitungen, warum da gebacken, geputzt und geschmückt wird, als käme hoher Besuch. (Bericht von einem Bekannten, der über Weihnachten immer in die Karibik ging; „alles Fassade, alle Welt macht auf Familie …") Als vor 2000 Jahren das erste Mal Weihnachten war, da hat Gott uns besucht und seinen „Lebenswillen" in der Gestalt eines Kindes hören, fühlen, sehen und riechen lassen. Und hat sich damit der Spannung und dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit ausgesetzt.
Gott hat sich in Christus der Zerrissenheit unserer Welt in Kälte und Wärme ausgesetzt, ja, sie geradezu in sich aufgenommen, und hat deutlich gemacht, dass er nicht von ihr über wunden wird. Und so heißt Weihnachten zunächst, dass wir nicht allein sind in der Spannung, die uns zu zerreißen droht.
Weihachten, das heißt für mich, dass Gott sagt: Du ich begeb mich hinein in deine Welt, dort hinein, wo du gerade lebst. Ich will nicht, dass du kaputt gehst, zerrieben von den Sorgen deines Alltags, aufgefressen von den Ängsten um deine Zukunft. Nein, ich will dass du lebst. Und dass du an dem Guten, das du erkannt hast, festhältst. Ich möchte nicht, dass du abgekartet durchs Leben gehst, hart wirst und unnahbar.
Verstehen sie, das ist für mich Weihnachten Gott begibt sich hinein in diese Spannung, die uns manchmal schier zu zerreißen droht. Ich denke, darum geht es, dass wir die Sehnsucht in unserem Herzen nicht begraben. Dass wir nicht aufgeben uns in unserem Herzen berühren zu lassen. Dass wir nicht aufgeben im anderen unseren Nächsten zu sehen, in dem uns Jesus selbst begegnen will. Dass wir nicht aufgeben, den anderen und auch unsere Welt mit den Augen Gottes zu sehen, nämlich was Gott mit ihm, mit ihr vorhat.
Gott wird Mensch und begibt sich damit hinein in unsere Zerrissenheit. Deshalb ist „Immanuel" einer der schönen Namen Gottes: „Gott ist mit uns", nicht daneben und dahinter, sondern buchstäblich „mit" uns, im Lachen und im Weinen, in der Trauer und in der Freude.
In den Bildern der Advents- und Weihnachtszeit drückt sich unsere Sehnsucht nach einem neuen und endgültigen Anfang aus. In der Adventszeit wird unsere Sehnsucht angesprochen, über das Vordergründige des Alltags hinauszugehen in den Bereich, in dem wir festeren Grund unter die Füße bekommen, in den Bereich Gottes. Und an Weihnachten feiern wir einen neuen Anfang. Gott sagt: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf; erkennt ihr`s denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste (= in deiner Wüste!) und Wasserströme in der Einöde." (Jes 43,19) … Gott ist es der etwas Neues schafft. Nicht ich bin es durch meine Leistungen, mein moralisch gutes Leben, … Unser Leben bekommt eine neue Qualität: Du bist nicht festgelegt auf Deine Vergangenheit, auf die Verletzungen Deiner Lebensgeschichte, auf die alten Muster, die Du vielleicht von Deinen Eltern oder anderen übernommen hast und die Dich immer wieder am Leben hindern. Gott selbst fängt neu mit Dir an. Er befreit Dich von dem Zwang, Dich von Deiner Vergangenheit her zu definieren. Wie immer auch Deine Lebensgeschichte aussieht, was immer Dich belastet, Du kannst es lassen und neu anfangen, da Gott selbst mit Dir neu beginnt.
An Weihnachten setzt Gott einen neuen Anfang. Wir dürfen den alten Traum von einem erfüllten Leben aufs Neue träumen. Wir dürfen noch einmal von neuem beginnen. Die Vergangenheit kann uns nicht mehr davon abhalten, dass Gott alles in uns verwandelt und erneuert. Es ist nie zu spät, anzufangen. Weihnachten will Dich dazu ermutigen, die Last der Vergangenheit abzuschütteln und getrost einen neuen Anfang zu wagen.
IV. An Weihnachten brauchen wir den Geist der AuferstehungSo gesehen hat Weihnachten immer etwas mit Auferstehung zu tun. Deshalb, weil an Weihnachten die Zerrissenheit der Welt ganz besonders schmerzt, brauchen wir gerade in dieser Zeit den Geist der Auferstehung. Er hat schon immer zu Weihnachten gehört: Er begegnet in den Tieren, die nicht beißen, in den Lanzen, die nicht töten. Er ist da in Engeln, die den Menschen den Frieden Gottes zusprechen, er ist da im Stern, der neue Wege weist, er ist da im Wunder der Menschwerdung Gottes, im Kind. Überall da begegnet uns schon in der Weihnachtsgeschichte der Geist der Auferstehung.
Dieser Geist ist der Geist des Protestes gegen die Tyrannei des Todes; der Geist, der nicht resigniert, sich nicht von der Spur Gottes abbringen lässt, sondern „auf Lebenskurs" bleibt. Wir brauchen diesen österlichen Glanz an Weihnachten, damit wir trotzig und wahrhaftig feiern können: Wir brauchen den österlichen Geist, in dem sich Gott auf die Seite des Lebens, unserer Hoffnungen und Sehnsüchte stellt, damit wir uns die Weihnachtsträume nicht ausreden lassen.
So hat Weihnachten mit Ostern zu tun. Man kann Weihnachten nicht beobachtend - analysierend verstehen. Weihnachten ist des Fest der Ganzheit, bei dem es um alle unsere Sinne geht: Wir müssen es hören und sehen, riechen und schmecken und - es noch um zwei weitere christliche Sinne erweitern, nämlich singen und beten. Eine solche Weihnacht, die den Geist von Ostern atmet, macht uns lebendig, lässt uns aufstehen, lässt uns „auferstehen", mitten im Winter.
Wie hat es Meister Eckart einmal gesagt: „Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren." - Dass Christus in mir, in dir immer wieder neu geboren wird, darauf kommt es an. Dass dies geschieht, das ist nicht unser Werk, sondern das macht Gottes Geist. Er lässt uns Jesus so empfangen, dass es Weihnachten und Ostern bei uns zugleich wird. Er lässt uns mit den Augen Gottes die Welt sehen: Manchmal traurig, aber doch voller Hoffnung und Freude über die kleinen Zeichen seiner Gegenwart unter uns. Gottes österliche Herrlichkeit kommt uns an Weihnachten ganz nah. Möge sie uns verwandeln! Amen. Klaus Mödinger Pfedelbach, 12 / 2004
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