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Eine Erzählung zur Jahreslosung 2005
verfasst von Pfarrer Köstlin - Büürma, Kupferzell

 

Jesus Christus spricht:
Ich habe für dich gebetet,
dass dein Glaube nicht aufhöre.

(1) „Herzlichen Dank für den schönen Engel, Herr Pfarrer". Frau Emsig drückte Pfarrer Glaubefest nach dem Gottesdienst die Hand. „Sie haben wieder ein wunderbares Weihnachtsgeschenk für ihre Mitarbeiter ausgesucht." „Das finde ich auch", entgegnete Pfarrer Glaubefest. „Für mich ist er ein schönes Zeichen für die Begleitung Gottes, weil man ihn halt nicht sehen kann. Ich habe mir gedacht: Wenn eine von unseren engagierten Mitarbeiterinnen einmal an der Liebe Gottes zu zweifeln beginnt, dann könnte sie dieser Engel zu Gott zurückführen." „Aber Herr Pfarrer! Wer wirklich an Gott glaubt, dem können doch gar keine Zweifel kommen", meinte Frau Emsig. „Mich erinnert der Engel daran, dass jeder Gläubige einen Schutzengel hat, der für ihn sorgt. Ich habe meiner Tochter einen Engel für ihr Auto geschenkt mit der Aufschrift: ‚Fahr nicht schneller, als dein Schutzengel fliegen kann.’ Ich bin einfach beruhigt, dass ihr mit diesem Engel nichts passieren kann." Pfarrer Glaubefest war bei diesem Gedanken nicht so wohl, denn er hatte schon öfter Menschen beerdigen müssen, die bei einem Unfall ums Leben gekommen waren. Aber darüber wollte er am 2. Weihnachtstag nicht reden. Noch klang in ihm das „O du fröhliche" nach, das auch diesen Tag zu einem Fest machte.

Zum Silvestergottesdienst traf er Frau Emsig wieder. „Herr Pfarrer, was sagen Sie zu der Flutkatastrophe?", begrüßte sie ihn. „Da singen wir noch zusammen ‚O du fröhliche gnadenbringende Weihnachtszeit’ und zur gleichen Zeit rollt eine Riesenwelle auf die Küste in Thailand zu und bringt den Menschen den Tod." Pfarrer Glaubefest hatte keine Lust, seine Silvesterpredigt schon vorab zu halten, darum sagte er nur: „Sie haben recht Frau Emsig, das ist wirklich furchtbar. Deshalb beten wir heute Abend auch im Gottesdienst für die Opfer der Flutkatastrophe." Frau Emsig ließ jedoch nicht locker. „Und was ist mit dem Schutzengel, Herr Pfarrer? Hatten die Menschen in Thailand keinen? Die Einheimischen sind ja vielleicht keine Christen gewesen sein, aber die Urlauber aus Deutschland, die sind doch sicher getauft gewesen. Und trotzdem sind sie umgekommen. Wie passt das zusammen?" „Sie haben recht", antwortete Pfarrer Glaubefest. „Das passt nicht zusammen. Darum glaube ich auch nicht daran, dass wir durch Engel vor Gefahren beschützt werden. Wozu auch? Es kommt doch letztlich überhaupt nicht darauf an, ob es uns besser oder schlechter geht im Leben. Es kommt darauf an, dass wir Gottes Auftrag erfüllen, solange wir noch am Leben sind. Und wenn wir sterben, dann ist unser Leben ja nicht zu Ende, sondern geht bei Gott weiter. So schlimm diese Katastrophe auch für uns Menschen im Augenblick aussieht: An unserem Auftrag in dieser Welt ändert sie nichts und auch nichts daran, dass uns nichts von Gott trennen kann, nicht einmal der Tod."

Frau Emsig schaute ihren Pfarrer entgeistert an. „Wie, Sie glauben nicht an Schutzengel? Warum verschenken Sie sie dann? Und was ist mit diesem Plakat da?" Sie deutete auf die Jahreslosung 2005, die bereits an der Eingangstüre hing. „Das ist doch ein Schutzengel, und darunter steht, dass wir nicht aufhören sollen, daran zu glauben." „Aber sie haben doch selbst gesagt, dass das nicht zusammenpasst, der Schutzengel und die Flutkatastrophe", widersprach Pfarrer Glaubefest. „Das ist ja das Problem", rief Frau Emsig, „ich bringe das nicht zusammen, deshalb komme ich ja zu Ihnen. Sie müssen doch an Engel glauben. Sie sind doch der Pfarrer." Kopfschüttelnd suchte sie sich einen Platz und ließ Pfarrer Glaubefest etwas ratlos zurück. Wie konnte er ihr den Unterschied zwischen dem Glauben an Gott und dem Glauben an einen Schutzengel begreiflich machen, zumal er zu Weihnachten lauter Engel verschenkt hatte?

(2) Nach dem Gottesdienst verabschiedete er sich entgegen seiner Gewohnheit schnell von den Gottesdienstbesuchern, weil er noch an seiner Neujahrspredigt arbeiten müsse. So entging er weiteren unangenehmen Fragen. Zuhause schenkte er sich einen Obstler ein, setzte sich in den Sessel und seufzte tief. „Warum bin ich bloß Pfarrer geworden?", sagte er zu seiner Frau. „Diese Katastrophe geht mir auf die Nerven. Ich weiß doch auch nicht, was ich dazu sagen soll. Aber ich muss. Und Leute wie Frau Emsig erwarten von mir, dass ich ihnen eine Lösung aus dem Hut zaubere, die die Welt für sie wieder in Ordnung bringt. Und sie soll auch noch zu ihrem naiven Engelglauben passen. Und natürlich zu unserer christlichen Tradition."

„Was hast du eigentlich heute gesagt?", fragte sein Sohn. „Ich konnte mich nämlich nicht konzentrieren. Mir gingen immer die Bilder von den Menschen durch den Sinn, die durch das Wasser von einander getrennt wurden. Der eine hat überlebt, aber seine Freundin loslassen müssen. Ich glaube, ich würde verrückt werden, wenn ich das erleben müsste." Pfarrer Glaubefest hatte dafür großes Verständnis. „Ich hätte wahrscheinlich heute auch nicht zuhören können, sondern selber nachdenken müssen. Ich glaube, diese Flut ist das Schicksal der Menschen, der Überlebenden und der Toten, keiner von ihnen hat verdient, was er bekommen hat, aber darum geht es letztlich auch gar nicht, dass wir etwas bekommen, was wir verdient hätten. Es geht darum, wie wir mit dem Schicksal umgehen, das nun gerade das unsere ist. Meines beispielsweise ist es jetzt, mit meinen Gottesdiensten den Menschen dafür die Augen zu öffnen, auch wenn sie nicht zuhören können." „Wenn die Flut Schicksal ist, dann brauchst du gar keinen Gottesdienst mehr feiern", meinte sein Sohn. „Ein guter Gott würde den Menschen nicht ein so schweres Schicksal zumuten. Aber wenn es gar keinen Gott gibt, dann müssen wir halt mit unserem Schicksal leben und selbst etwas unternehmen, dass wir nicht untergehen. Was hat es dann noch für einen Sinn, für die Opfer der Katastrophe zu beten? Du hättest genau so gut den Gottesdienst ausfallen lassen können."

„Das ist doch wohl jetzt völliger Unsinn," entgegnete Pfarrer Glaubefest. „Die Gottesdienstbesucher suchen doch nach einer Antwort auf ihre Fragen; deshalb müssen wir Gottesdienst feiern und auch zugeben, dass wir im Grunde sprachlos sind." „Dafür, dass du sprachlos bist, hast du aber ganz schön lange gepredigt", meinte seine Tochter, „und alles, was du gesagt hast über Gott und seine Zukunft und unseren Auftrag, ist doch nur ein schöner Wunschtraum. Nimm’s mir nicht übel, Vater, aber ich sehe keinen Sinn in all dem, was du sagst. Das ganze Leben hat doch keinen Sinn. Ist es wirklich besser zu leben als zu sterben? Denk doch an all das Elend, das an die traumatisierten Überlebenden, an die gefolterten Gefangenen, an die ums Überleben kämpfenden in Afrika, an die Millionen Aids-Kranken: der Tod erspart einem wenigstens dieses Leben. Es hat wirklich keinen Sinn, vom Sinn des Lebens und der Liebe Gottes zu sprechen."

Pfarrer Glaubefest hatte sich bereits den zweiten Obstler eingeschenkt und suchte noch nach Worten, mit denen er seinen Kindern die Augen öffnen könnte für die Notwendigkeit der Wegbegleitung Gottes, als seine Frau einwarf: „Ich glaube an Gott, und ich brauche ihn auch. Ohne ihn finde ich diese Welt auch unerträglich. Aber mit ihm kann ich es ganz gut aushalten." „Mit einem Gott, der unschuldige Menschen sterben lässt?", fragte ihr Sohn. „Nein," entgegnete Frau Glaubefest. „Gott lässt doch niemand sterben. Er spielt nicht Schicksal und ist auch überhaupt nicht für das verantwortlich, was in unserer Welt geschieht. Das ist doch eine völlig veraltete Vorstellung von Gott. Er ist nicht der Schöpfer einer Welt voller Naturkatastrophen. Er ist nicht der Herrscher im Himmel, der uns Menschen wie Schachfiguren über die Erde schiebt. Nein, Gott ist das, was wir normalerweise ‚Liebe’ nennen, nichts anderes. Und ohne Liebe können wir nicht leben. Ihr hättet ohne Liebe keine glückliche Kindheit gehabt, mit euren Freunden könntet ihr ohne Liebe nicht auskommen, ich mit eurem Vater auch nicht, wenn er auch in der Wohnung nur seine Predigt im Kopf hat und mein schönes Abendessen ignoriert, und die Opfer der Katastrophe brauchen nun ebenfalls unsere Liebe." Pfarrer Glaubefest war verwirrt. Was hatte seine Frau für eine merkwürdige Sicht des christlichen Glaubens? Und dass das Essen auf dem Tisch stand, hatte er tatsächlich übersehen. „Die Liebe zwischen Menschen kannst du doch nicht mit Gott gleichsetzen", warf er ein. „Wenn das so einfach wäre mit Gott, dann hätte ich mich fröhlich an den Tisch setzen können. So brauche ich erst einmal einen Obstler." Doch Frau Glaubefest blieb unbeirrt: „Liebe ist eine Macht, die uns erfasst, und nicht etwas, was wir machen können!", erklärte sie. „Darum kann man sie ‚Gott’ nennen. Und Gott oder die Liebe ist natürlich machtlos gegen Wassermassen und andere Naturkatastrophen, aber er ist mächtig in seiner Wirkung auf Menschen. Er öffnet ihnen das Herz für einander. Sogar unser Bundeskanzler redet jetzt nur noch davon, dass wir den Armen helfen müssen. Da muss doch die Macht der Liebe dahinter stecken."

Pfarrer Glaubefest gab auf. „Ich kann’s euch heute nicht mehr erklären", meinte er. „Ich brauche jetzt meine Ruhe. Wartet bis morgen. In meiner Neujahrspredigt werde ich zeigen, warum wir den Glauben an Gott, an den Sinn des Lebens und an die Auferstehung gerade jetzt nicht aufgeben dürfen." Dann trank er einen dritten Obstler und schloss die Augen.

(3) Plötzlich schreckte er auf. Die Glocken läuteten. Und auch an der Haustüre läutete es Sturm. Pfarrer Glaubefest eilte zur Türe. Es war die Mesnerin. „Wo sind denn die Lieder?" fragte sie aufgeregt. „Die Leute kommen schon zum Gottesdienst." „Wir singen die gleichen wie gestern", antwortete der Pfarrer geistesgegenwärtig und eilte mit ihr in die Kirche. Der Gottesdienst hatte bereits begonnen. Da er keine Predigt dabei hatte, beschloss er einfach, einen Abschnitt aus der Bibel zu lesen und zu kommentieren. Er nahm die Altarbibel zur Hand und sah, dass dort die Geschichte von der Sintflut aufgeschlagen war. Er überflog den ersten Abschnitt „Da aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war, da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte…" Nein, das war heute nun nicht geeignet, und so blätterte er im Lukasevangelium, bis er auf das Gespräch zwischen Petrus und Jesus stieß. Er erzählte von dem Musterjünger, der Jesus die Treue verspricht, aber sie dann doch nicht halten kann. „Jesus hat ihm auf den Kopf zugesagt, dass er einmal in die Krise geraten wird, in der er nicht mehr weiß, was er glauben soll. Aber mit seiner Hilfe wird er diese Krise überwinden. Liebe Gemeinde, Glauben ist ein Geschenk Jesu, für jeden von uns, man kann ihn nicht erzwingen, zuweilen wird man ihn wohl auch verlieren und es ist gut, wenn wir ihn dann noch einmal bekommen. Das gilt heute besonders für alle, die angesichts der Flutkatastrophe ihren Glauben an Gott verloren haben."

Pfarrer Glaubefest war erleichtert, dass ihm noch etwas eingefallen war. Nach dem Gottesdienst trat jedoch ein Mann auf ihn zu und sagte so laut, dass alle es hören konnten: „Das war ja wieder einmal eine Zumutung. Ungekämmt, mit Hausschuhen und ohne Talar auf der Kanzel und dann auch noch ohne richtige Predigt. Sie nehmen Ihr Pfarramt und uns Gottesdienstbesucher wohl überhaupt nicht mehr ernst. Ich werde mich beim Dekan beschweren." Pfarrer Glaubefest bemerkte mit Schrecken, dass er wegen seines eiligen Aufbruchs tatsächlich nicht gottesdienstgemäß gekleidet war. Er eilte nach Hause und hörte Frau Emsig hinter ihm herrufen: „Sie glauben nicht einmal an Schutzengel. Und so etwas will Pfarrer sein."

Zuhause klingelte das Telefon. Der Dekan las ihm die Leviten: Dass er jahrelang schützend seine Hand über ihn gehalten habe. Dass er jedoch im Grunde unfähig sei, sein Amt auszufüllen. Dass er die gute Tradition in Frage stelle und die Menschen mit offenen Fragen aus dem Gottesdienst gehen lasse. Ob er ihm auch nur einen Menschen zeigen könne, der ihn wirklich als Pfarrer brauche. Und dass er sich doch bitte eine andere Arbeit suchen solle.

Im Briefkasten fand Pfarrer Glaubefest eine Nachricht vom Rechnungsprüfungsamt, die er offensichtlich übersehen hatte: Sämtliche Ausgaben des vergangenen Jahres wurden beanstandet, weil sie im Haushaltsplan nicht aufgeführt waren. Dem Pfarrer wurde mit sofortiger Wirkung die Befugnis zur Bewirtschaftung des Haushalts entzogen und mit Haftungsansprüchen durch die Landeskirche gedroht, wenn er die Angelegenheit nicht zufrieden stellend aufklären konnte.

Auch eine Nachricht des Finanzamts fand Pfarrer Glaubefest. Eine Sonderprüfung am Neujahrstag stehe an, damit er keine Unterlagen verschwinden lassen könne. Man wolle sein Fahrtenbuch und seine Computer prüfen, ob nicht Privates mit Amtlichem vermischt worden sei. Falls sich der Verdacht als berechtigt herausstellen würde, müsste er mit einem Bußgeld rechnen.

Pfarrer Glaubefest wollte eben sein Fahrtenbuch kontrollieren, als das Telefon klingelte. Der Bürgermeister war am Apparat. Er sei sehr enttäuscht, dass die Kirchengemeinde ihn bei ihrem gemeinsamen Bauvorhaben hinters Licht geführt habe. Die Kirchenleitung habe ihn informiert, dass sie die Pläne überhaupt nicht genehmigt habe und verwundert darüber sei, dass der Pfarrer ihm dies nicht mitgeteilt habe. Die bürgerliche Gemeinde werde deshalb mit der Kirchengemeinde nun nicht mehr zusammenarbeiten und alle Verträge kündigen. Ab sofort sei der Pfarrer auch bei allen öffentlichen Veranstaltungen unerwünscht.

Geknickt ging Pfarrer Glaubefest in seine Wohnung. „Heute geht wohl alles schief", sagte er zu seiner Frau. „Im Gottesdienst habe ich mich blamiert, der Dekan und der Bürgermeister sind sauer, das Rechnungsprüfungsamt und das Finanzamt sind hinter mir her." Seine Frau packte gerade ihre Koffer. „Ich halte es nicht länger mit dir aus", sagte sie. „Du hast immer nur deine Arbeit im Kopf und lässt uns mit dem Essen warten, weil du noch telefonieren musst. Ist das vielleicht ein Familienleben? Ich ziehe aus." „Und was wird aus den Kindern", fragte Pfarrer Glaubefest mit matter Stimme. „Ich ziehe zu meinem Freund", meinte sein Sohn. „Der respektiert mich wenigstens und hält mir nicht eine Predigt, damit ich genauso denke wie er. Meine Schwester ist übrigens auch schon weg. ,Das Leben hat keinen Sinn’, hat sie auf den Spiegel im Badezimmer geschrieben."

Pfarrer Glaubefest zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Sein Blick fiel auf das Plakat mit der Jahreslosung, das er sich aufgehängt hatte. „Das ist doch kein Engel", dachte er. „Das ist ein Mensch, von den Lasten des Lebens zerquetscht; das bin ich, zwischen der Familie und der Gemeinde aufgerieben. Da hilft nun kein Beten mehr. Ich kann nicht mehr. Mein Gott, was hast du aus meinem Leben gemacht. Es gibt dich wohl doch nicht, es gibt keinen Auftrag, es gibt keinen Sinn, ich habe mir das alles nur eingeredet, weil ich Pfarrer sein wollte."

(4) Schweißgebadet wachte Pfarrer Glaubefest in seinem Sessel auf. Silvesterböller und bunte Feuerwerksraketen wiesen auf den Jahreswechsel hin. Ein Blick auf die Uhr bestätigte es: Es war kurz vor Mitternacht. Seine Familie saß im Nebenzimmer. „Du hast so fest geschlafen, da haben wir ohne dich gegessen", meinte seine Frau. „Wenn du jetzt nicht gekommen wärst, dann hätten wir auch das Neue Jahr ohne dich beginnen müssen." Pfarrer Glaubefest wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Es tut mir leid, dass ich euch den Abend verdorben habe. Ich habe wohl etwas zuviel getrunken und etwas Fürchterliches geträumt. Ich bin froh, dass das alles nicht wahr ist. Sonst hätte ich meinen Glauben an Gott verloren. Ich frage mich, wie man ein solches Leben aushalten kann." Die anderen sahen ihn verständnislos an. „Du hast schlecht geträumt und verlierst schon deinen Glauben?", meinte seine Frau. „Was sollen da die Menschen sagen, die wirklich etwas Schlimmes erleben?" „Sie werden alle Hilfe brauchen, wenn sie damit zurecht kommen sollen", meinte Pfarrer Glaubefest. „Doch reden wir nicht länger über meinen Traum. Feiern wir lieber, dass wir einander haben."

Im Neujahrsgottesdienst zeigte Pfarrer Glaubefest das Plakat. „Auf den ersten Blick sehe ich einen Engel," erklärte er. „Der Engel ist ein Zeichen dafür, dass Gott uns unsichtbar begleitet. Solange es uns gut geht, fällt es uns leicht, an diesen Gott zu glauben. Wenn wir jedoch in eine Krise geraten, dann zerbricht mit dem Bild vom Engel auch unser Glaube an die Begleitung Gottes. Die Flutkatastrophe hat wohl viele Menschen in die Krise geführt. Sie werden hier keinen Engel mehr sehen, sondern einen Menschen, der zwischen zwei mächtigen Felsblöcken erdrückt wird. Die Last des Schicksals ist zu schwer. Auf der einen Seite könnten die Erwartungen der Menschen stehen, die wir gerne erfüllen würden, auf der anderen Seite die Sachzwänge, die unseren Alltag bestimmen. Dazwischen stecken wir, und wer sich bei Tage noch stark fühlt, dem führen die nächtlichen Träume die Wahrheit vor Augen. So muss es auch Petrus ergangen sein, als er Jesus verleugnet hat. Die Evangelien erzählen diese Geschichte vom verlorenen Glauben, weil sie auch unsere ist. Aber jetzt kommt das Entscheidende: Es muss nicht dabei bleiben. Im Lukasevangelium sagt Jesus zu Petrus:

Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre.

Schauen Sie auf den hellen Spalt hinter der Figur. Da fällt doch Licht herein in das düstere Bild. Und schauen Sie auf den Kopf: Ein Heiligenschein ist angedeutet. Es ist Jesus, der zwischen die Felsblöcke getreten ist, die uns erdrücken. Er hat die dunkle Welt einen Spalt weit für das Licht Gottes geöffnet. Und dieses wenige Licht genügt bereits für einen neuen Hoffnungsschimmer. Der verlorene Glaube wird uns neu geschenkt. Er wird anders sein als der alte Zerbrochene. Und er muss von außen kommen, weil es im Leben dunkel geworden ist. Aber er kommt. Das ist Gottes Angebot für dieses Jahr alle, die in den letzten Tagen an ihrem Glauben verzweifelt sind."

Nach dem Gottesdienst drückte ihm seine Frau die Hand. „Deine Predigt hat mir gut getan," meinte sie. „Du hast meine Gedanken über Gott von gestern nicht widerlegt, aber ich habe nun das Gefühl, ich verstehe die Menschen, deren Glaube zerbrochen ist." Auch sein Sohn meinte: „Eigentlich wollte ich ja nicht zum Gottesdienst kommen, aber mit deinem Bild konnte ich etwas anfangen. Ohne ein Licht von außen bleibt es in unserer Welt dunkel, das ist wohl mit Gott gemeint." Und die Tochter ergänzte: „Das Leben hat wohl doch einen Sinn, wenn wir dieses Licht wahrnehmen." Pfarrer Glaubefest sagte nichts dazu. Wenn Menschen, die er liebte, aus seinen Gedanken die ihren machen konnten, dann wollte er sie dabei nicht hindern. Glaube war ja wirklich Geschenk Gottes und nicht das Ergebnis einer gelehrten theologischen Debatte.

Auch Frau Emsig war zufrieden. „Heute habe Sie eine schöne Predigt gehalten. Und das Bild finde ich auch schön. Der Schutzengel sorgt dafür, dass es auch mitten in der Katastrophe einen Weg gibt für alle, die sich an Gott festhalten." Pfarrer Glaubefest schluckte seine Bemerkung hinunter, es gebe keinen Schutzengel, und wünschte ihr ein Jahr, in dem sie ihren Glauben immer neu geschenkt bekommen möge.

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